Muttermilch oder Spinat…

… oder wie Entscheidungstabellen zu einer Vereinfachung der Geschäftsprozessmodellierung beitragen.

In fast allen Geschäftsprozessen sind Entscheidungen auf Basis unterschiedlichster Einflussfaktoren zu treffen. In der von der  OMG (Objeject Management Group) standardisierten Spezifikation BPMN (Business Process Model and Notation) existieren für die Modellierung von Entscheidungspunkten sogenannte Gateways. Je komplexer diese Regeln werden, desto unübersichtlicher ist eine Modellierung im Prozessdiagramm.

Betrachten wir einmal folgenden „Geschäftsfall“ der Nahrungszubereitung für ein Baby bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres. Das Startereignis ist das Erkennen des Hungers des Babys –  meist begleitet vom lautstarken Bekunden der allgemeinen Unzufriedenheit. Bis zu dem 4. Monat wird das Baby ausschließlich durch Mutter- bzw. Anfangsmilch ernährt. Ab dem 5. Monat wird mit der Beikost begonnen, wobei nachts immer noch die Mutter- oder Anfangsmilch angeboten wird. Nachdem man dem Baby nur das Beste zum Essen geben will, versucht man die pürierten Speisen so oft wie möglich selbst zu kochen. Manchmal hat man aber nicht die Zeit und greift darauf zurück eine Fertigkost aufzuwärmen.

Nach dem 9. Monat ist das Baby soweit stückchenweise die ausgesuchte Familienkost zu verzehren. Nachts wird jedoch immer noch die Mutter- oder Anfangsmilch bevorzugt.

Dieser Geschäftsfall, der im Wesentlichen aus einer Kombination von 3 unterschiedlichen Bedingungen besteht, kann z.B. wie folgt in einem Prozessdiagramm modelliert werden.

Der beschriebene Prozess stellt natürlich nicht den Anspruch auf vollständige Abdeckung der Nahrungsmittelauswahl für ein Baby. Wenn man nun noch weitere Entscheidungsregeln (wie z.B. eine mögliche Nahrungsmittelunverträglichkeit des Babys) in das Modell einpflegen will, dann wird es rasch sehr unübersichtlich und es wiederholen sich immer wieder die gleichen Entscheidungen an verschiedenen Stellen des Prozesses.

Der empfohlene Ansatz ist daher, diese Art der Abbildung von Geschäftsregeln vollkommen aus der Prozessmodellierung herauszulösen und durch eine Geschäftsregel-Aufgabe zu ersetzen:

Jede weitere Komplexität einer Regeländerung verändert nicht das Prozessmodell, sondern wird in der Geschäftsregel-Aufgabe aufgelöst. Wo werden aber nun die Regeln, die zuvor im Prozessmodell enthalten waren, abgebildet?

Für diese Abbildung werden sogenannte Entscheidungstabellen verwendet. Über eine definierte Beschreibungssprache (FEEL –Friendly Enough Expression Language) werden aus der Kombination von Eingabeparametern unter Anwendung von Regeln die gewünschten Ausgabeparameter ermittelt. Die Entscheidungstabelle für unser Fallbeispiel würde wie folgt aussehen:

Die Geschäftsregel-Aufgabe bedient sich dieser Tabelle, um je nach den Gegebenheiten die korrekte Babynahrung zu ermitteln.

Bei einer Regeländerung ist diese nun nur mehr in der Entscheidungstabelle anzupassen und verändert nicht den modellierten Prozess.

Zugegeben, keine Mutter wird bei der Auswahl der Babynahrung eine Entscheidungstabelle um Rat fragen, aber bei systemisch unterstützten Geschäftsprozessen liegen die Vorteile diese Art der Modellierung auf der Hand:

  • Änderungen der Geschäftsregel können ohne Modellierungsaufwand und –kenntnis rasch durchgeführt werden. Der möglicherweise damit verbundene Deploymentaufwand entfällt.
  • Die gleichen Entscheidungstabellen können in verschiedenen Prozessen verwendet werden.
  • Geschäftsregeln werden zentral und flexibel verwaltet und dokumentiert.

Das Workflow Management System Camunda bietet in der Enterprise Version die Möglichkeit Entscheidungstabellen, die bereits in produktiven Workflows eingesetzt sind, anzupassen. So können Änderungen von Geschäftsregeln oft direkt von der Fachabteilungen und ohne Kenntnis der Prozessmodellierung adaptiert werden. Der laufende Betrieb wird dabei nicht unterbrochen.

 

 

Für die Inspiration zu diesem Fallbeispiel möchte ich mich bei meiner Tochter Maja bedanken – in diesem Fall ergab die Entscheidungstabelle eine selbstgekochte pürierte Speise mit Kartoffel und Spinat:

 

 

Ing. Mag. Markus Raab
Erstellt: 2016-11-30
von: Ing. Mag.  Markus Raab
Stichworte: 

BPMN, DMN, FEEL, Camunda

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